Wer wir sind

Dee Stolla

Ich glaube, dass wir Menschen eine tiefe Sehnsucht danach haben, gesehen zu werden und vor allem, dass wir so akzeptiert werden, wie wir sind. Gleichzeitig ist das aber auch unsere größte Angst. In der Paarbeziehung können wir uns dieser Angst stellen. Gemeinsam. Jedes Mal, wenn ein Paar nach der Arbeit mit uns eine tiefere Ebene der Beziehung erreicht hat, bin ich zutiefst davon berührt.

Magische Momente

Mitzuerleben, wie Paare von einem Kampf uns Recht haben zu einem gemeinsamen Ort finden, an dem sie sich einfach nur zuhören, sich davon berühren lassen  und den anderen so akzeptieren, wie er ist, sind für mich magische Momente, in denen Liebe wirklich greifbar und spürbar ist.

Ich sehe, wie die Menschen in unsere Gesellschaft immer mehr nach dem sogenannten "Glücklich sein" streben. Und wenn ich in meiner Beziehung nicht mehr glücklich bin, dann muss halt eine andere her. Natürlich bin ich in meiner Beziehung glücklich, schließlich bin ich mit einem wundervollen Mann verheiratet.

Zeuge für den Schmerz des anderen

Aber die Tiefe unserer Beziehung liegt vor allem darin, dass wir gegenseitig Zeuge sind, vom Schmerz des anderen. Denn, wenn ich ganz ehrlich bin: Was mich an Dir als Mensch wirklich interessiert ist dein Schmerz.

Dein Schmerz ist das, was dich als Mensch ausmacht. Wenn sich zwei Menschen in ihrem Schmerz begegnen können, dann entsteht das, was ich am ehesten als Liebe bezeichnen würde.

Jedes Paar, das zu uns kommt und sich darauf einlässt, ist für mich ein Geschenk und jedes Kind, dem die Qualen einer Trennung der Eltern erspart werden, weil wir ihnen helfen konnten, gemeinsam einen Weg der Liebe zu gehen, lässt mich unendliche Dankbarkeit empfinden.

Lachen und Weinen

Die Arbeit mit Paaren enthält so viele Lebens-Würze. Wir lachen viel zusammen, wir weinen zusammen und manchmal wird es auch richtig laut. So wie es in Beziehungen eben immer läuft, wenn sie lebendig und erfüllend sind.

Neben der Arbeit mit Paaren liegt mir vor allem die Arbeit mit Frauen am Herzen. Gemeinsam die unsere tiefen weiblichen Qualitäten zu entdecken und in Leben zu bringen.

Seit 2012 bin ich Oma und ich liebe es meinen Enkeln zu schenken, was auch ihre tiefste Sehnsucht ist: Ich sehe und akzeptiere sie, und als Oma kommt noch etwas hinzu, was sonst wirklich kaum erreichbar ist: Ich liebe sie beide bedingungslos.

Matthias Stolla

Ich glaube, dass das Leben von uns Menschen etwas will: dass wir es feiern, es genießen und alles, was es uns bietet, nutzen, um daran zu wachsen. So, dass wir dienstags ein klein wenig weiser sind als am Montag zuvor. Manchmal vielleicht auch etwas später. Die Geschwindigkeit ist nicht so wichtig. Entscheidend ist vielmehr, dass wir uns darauf einlassen.

Auf dem Weg zur Vollkommenheit

Ich kenne nichts, das diesen Prozess mehr unterstützt ist als eine Paarbeziehung. Ich bin davon überzeugt, dass Partnerschaft vor allem einen Sinn hat: Zwei Menschen unterstützen sich auf dem Weg zur Vollkommenheit.

Interessant daran ist, dass es Krisen und Konflikte sind, die uns wachsen lassen. Deshalb glaube ich, dass Partner sich ergänzen, wenn sie ihre Unterschiedlichkeit anerkennen. Ich bin mit einer großen Frau verheiratet. Wir teilen viel, etwa unseren Kontext und unsere Arbeit mit Paaren. Gleichzeitig gibt es viele Vorlieben und Ansichten, die wir nicht teilen. Die Liste wäre endlos.

Akzeptanz ist der Schlüssel

Dass wir dennoch eine großartige, glückliche Ehe führen, liegt vor allem daran, dass wir darauf achten, uns in unserer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren.

Viele Menschen wollen lieber Schmetterlinge im Bauch und Harmonie, am besten immer. Für Konflikte oder Krisen ist kein Platz, für Gefühle wie Ärger, Trauer oder Angst auch nicht. Menschen tun sich viel Leid an, um zu vermeiden, was sie nicht haben wollen.

Hinter vielen Trennungen steckt der  Wunsch, Krisen und Konflikte sowie unbequeme Gefühle aus dem eigenen Leben verbannen zu wollen. Nach meiner Erfahrung ist das unrealistisch, auch wenn es bequem erscheint.

Streit und Krisen sind Teil des Ganzen

Ich streite hin und wieder mit der großartigen Frau an meiner Seite. Manchmal geht sie mir auf den Keks, und manchmal nerve ich sie. Das nehmen wir mit. Es stört nicht, weil wir uns immer mehr bewusst werden, was wir aneinander haben. Das ist unbezahlbar.

Und von wegen Wachstum: Vollkommenheit ist ein hohes Ziel. Ich strebe es an und gehe meine Schritte. Das ist mir wichtiger, als tatsächlich am Ziel zu sein. Ich bin eben gerne unterwegs. Auf Reisen wie im Leben.

Ich arbeite gerne mit Männern, um sie darin zu unterstützen, sich genau dieses Bewusstsein wieder zurückzuholen: Wir müssen nichts tun, um gut zu sein. Wir sind es.

Wir als Paar

 

Wir sind seit 1999 verheiratet, und unsere Beziehung begann ganz und gar unromantisch.  Wir waren Freunde, dann Freunde mit gewissen Vorzügen und dann halt doch ein Paar. Im Rückblick war das auf eine Art, denn wir sind nie von der rosa roten Wolke gefallen.

Unsere Krisen hatten wir auch. Zumal wir als Individuen völlig unterschiedliche Interessen und Vorlieben haben.

Zwei Menschen, zwei Welten

Matthias reist gerne und liebt es, die Welt zu erkunden. Er ist extrovertiert, steht gerne im  Rampenlicht, liebt es zu wandern und Berge zu besteigen. Selbst vor dem Himalaja hat er sich nicht gescheut. Er verehrt die Beatles und The Who.

Dee ist einfach nur gerne zuhause und wenn überhaupt Urlaub, dann immer am gleichen Ort: im Zweit-Zuhause auf Kreta zwei Wochen Strand mit 14 Büchern im Gepäck. Sie ist eher introvertiert, liebt zwar auch die Bühne, aber nur wenn sie eingeladen wird. Außerdem hört sie die Stones und Bap.

Wie wir voneinander lernen

Wir haben beide gelernt, den anderen so zu nehmen, wie er ist. Und mehr noch: in seiner Unterschiedlichkeit voll zu akzeptieren. Das hat dafür gesorgt, dass Dee den gemeinsamen Urlaub in Norwegen wirklich genossen hat, obwohl sie morgens nicht wusste, wo sie abends schlafen wird. Und Matthias kann jetzt schon drei Tage lang am Strand liegen und sich entspannen, ohne dabei hibbelig zu werden.

Und beide lieben wir die Band Blackberry Smoke.

Wir sind glücklich miteinander, aber wir wissen auch, dass wir das nicht ohne unsere Paartherapeutin geschafft hätten. Schade eigentlich, dass sich so wenig Menschen Hilfe suchen.

Denn sich zu lieben kann tatschlich ganz leicht sein.